Praxisbeispiel: Agiles Coaching bei idealo

Wie agiles Coaching zum Unternehmenserfolg beiträgt.

Agiles Coaching

Agilität ist in aller Munde. Der häufig im Zusammenhang mit anderen Schlagworten wie digitale Transformation, Arbeit 4.0 oder auch New Work genannte Begriff dominiert hartnäckig die Managementliteratur.

Wie werden wir agil und welche Methoden und Managementansätze sind die richtigen für uns, fragen mich unterdessen die Führungskräfte in meinen Seminaren.

Darauf gibt es jedoch keine eindeutige Antwort. Vielmehr gilt es, verschiedenes zu probieren, um das rechte Maß und geeignete Methoden für das eigene Team / Unternehmen zu finden. Auf dieser Suche können Agile Coaches zu wertvollen Begleitern werden. Sie unterstützen Organisationen, Teams und Einzelpersonen in solchen Veränderungsprozessen. Orientierung geben ihnen dabei die Werte und Prinzipien des agilen Manifests das als Basis zahlreicher agiler Rahmenwerke und Methoden wie z. B. Scrum gesehen wird.

Das folgende Praxisbeispiel soll eine Antwort liefern auf die Frage, wie agiles Coaching in der Praxis funktioniert.

Wie funktioniert agiles Coaching in der Praxis?

Auf der Suche nach einer Antwort auf diese Frage treffe ich mich zum Interview mit Stefan Willuda. Bei dem Online-Vergleichsportal idealo führt er insgesamt 13 Agile Coaches im Bereich Produkt- und Technologie. Wie bei idealo üblich, trägt er diese Verantwortung nicht allein, sondern zusammen mit einem Kollegen in Form einer Doppelspitze.

idealo, so erzählt er mir, ist jetzt seit mehr als 18 Jahren am Markt. Trotzdem bemüht das Unternehmen sich immer noch eine Start-up Identität zu bewahren. Wenn man Agilität auch als Haltung versteht, war es im Grunde schon immer Teil der DNA von idealo. Offizieller Startschuss war jedoch die Einführung der Rolle des Scrum Masters im Jahr 2012. In den folgenden Jahren wurde agiles Arbeiten stetig durch interne und externe Schulungen und Coaches begleitet.

Welche Aufgaben haben Agile Coaches bei idealo?

Stefan Willuda:

Agile Coaches sind bei uns interne Organisationsentwickler. Ihre Aufgabe ist es, die insgesamt 35 Produktentwicklungsteams innerhalb des Unternehmens zu befähigen, agile Prinzipien anzuwenden, um Probleme von Nutzern zu lösen und Produkte zu entwickeln.

Die Grundlage unserer Arbeit als Agile Coaches bildet das Agile Manifest mit seinen 12 Prinzipien. Gleichsam sind wir geleitet von Werten wie Offenheit, Mut, Respekt und Verbindlichkeit, die auch Teil des idealo Kodex sind.

Wir arbeiten im Fluss, passen uns ständig den aktuellen Gegebenheiten an und sind immer mitten im Geschehen. Dabei folgen wir dem Pull Prinzip, das bedeutet wir suchen unsere Einsatzfelder selbständig und gehen dorthin, wo Bedarf ist.

Konkret bedeutet das, wir hinterfragen Prozesse und bestehende Strukturen, veranstalten Missionsworkshops oder Kennenlernworkshops und machen viel Wertearbeit.

Was genau wir tun hängt stark vom Reifegrad des Teams ab. Also davon, wie lange und wie effektiv ein Team bereits zusammenarbeitet.

Wenn z. B. ein Team heillos überlastet wirkt, ist es kaum angemessen ganz grundsätzlich über die Qualität von Software zu sprechen. Vielmehr stehen dann Formen der Zusammenarbeit, Lieferfähigkeit und die Schaffung belastbarer Prozesse im Vordergrund, um das Team zu befähigen, mit der anfallenden Arbeit effektiv umzugehen.

Je nach Sachlage gibt es unterschiedliche Zielsetzungen, mit denen Teams an uns herantreten. Fragt ein Team was es tun soll, stehen wir mit Rat und Tat zur Seite. Das kann auch bedeuten, dass ein Agile Coach übergangsweise die Rolle des Scrum Masters, also  einer lateralen Führungskraft, übernimmt.

Sagt das Team „wir wollen eure Meinung wissen“, sind wir beratend unterwegs. Braucht das Team Reflexion zu bestehenden Abläufen, so agieren wir als Coaches, die keine fertigen Lösungen präsentieren, sondern über Fragen die Selbsterkenntnis unterstützen.

Im Mittelpunkt unserer Arbeit steht immer der Befähigungsaspekt oder anders ausgedrückt, die Hilfe zur Selbsthilfe.

Wenn das Team die zuvor formulierten Ziele erreicht hat und kein akuter Handlungsbedarf existiert, ziehen sich die Agile Coaches wieder zurück.

Welchen Nutzen hat das für das Unternehmen?

Agiles Coaching fördert die Fähigkeit der Mitarbeiter, selbstbestimmt zu handeln. Das macht die Organisation schneller, erhöht die Wirksamkeit unterschiedlichster Maßnahmen und steigert den Erfolg von der operativen Ebene bis zum Topmanagement.

Wie erfolgt die Auswahl der Teams?

Hier gibt es verschiedene Wege. Einerseits können die Teams selbst oder deren Führungskräfte den Bedarf melden. Andererseits können auch durch Beobachtung und Reflexion Bedarfe durch uns erkannt und sichtbar gemacht werden. Das kann z. B. bei neuen Teams der Fall sein, wenn deutlich wird, dass gemeinsame Regeln noch nicht ausgehandelt sind.

Was unterscheidet euch von anderen Coaches?

Das muss man differenziert betrachten:

Anders als bei „normalen Coaches“ steht bei uns das Thema Agilität klar im Fokus. Dabei ist ein Agile Coach je nach Situation auch Berater oder Trainer auf dem Feld des agilen Arbeitens.

Dann gibt es noch den Unterschied interner vs. externer Coach. Während ein externer Coach nach erfolgreichem Abschluss eines Projektes geht, ändern wir internen Coaches die Perspektive von einem zum anderen Team.

Nach einem Jahr wechseln wir den Tanzbereich. Das bedeutet, dass wir in verschiedenen Bereichen des Unternehmens rotieren, um die notwendige Objektivität zu erhalten.

Welche Ausbildung braucht ein Agile Coach?

Das ist sehr unterschiedlich. Eine wichtige Voraussetzung ist die Kenntnis agiler Prinzipien, sowohl in der Theorie als auch in der Anwendung.

Einige Teammitglieder sind ausgebildete systemische Coaches, andere sind Quereinsteiger, die sich das notwendige Können systematisch angeeignet haben.

Vor allem die Lust am Menschen muss vorhanden sein. Ein weiterer wesentlicher Faktor ist die Haltung.

Agile Coaches müssen die richtige Balance zwischen Nähe und Distanz finden um einerseits das notwendige Vertrauen aufzubauen und andererseits die Objektivität zu wahren. Sie brauchen den Mut im Konflikt zu stehen, um Veränderung herbei zu führen.

Nicht zuletzt sind Basiskenntnisse in der Moderation und die Fähigkeit zur Visualisierung wichtig.

Sind agile Methoden für jeden geeignet?

Nein! Agilität ist nur dann sinnvoll, wenn klassische Denk- und Herangehensweisen an ihre Grenzen stoßen. Nur weil Goolge etwas macht muss es nicht für jeden richtig sein. Ziel- und planloses Einführen von Agilität kann schnell zu agiler Bürokratie führen. Das sieht dann zwar modern aus, ist aber wirkungslos und verschwendet Energie der Kolleginnen und Kollegen.

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